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N E W! PHOTOS FROM BANDA ACEH IN JUNE

Letters From Aceh


L I N K S

Wie es auf Pulau Weh, auch unter dem Namen Sabang bekannt, vor dem Tsunami war, schildert von "Nik"Klaus Polak, Bonn, auf seinen Reiseseiten:

Nord-Sumatra - Sumatera-Utara


start

162.000 Tsunami-Tote, noch immer 12.000 Vermisste – das ist der Stand der Dinge vom Mai 2005 für die Region Aceh.

März 05, Sabang, Pulau Weh

Nach einer Fahrt entlang der Küste von Banda Aceh, oder vielmehr dem, was davon übrig ist, kann ich nur sagen: Alles, was ich über den Tsunami aus den Medien wusste, war lediglich ein ferner Eindruck. Es beschreibt nichts von dem, wie es hier vor Ort ist. Es ist, als ob alles in mir sich wehrt, berührt zu werden, zu verstehen, sodass ich immer wieder die Kamera zwischen mich und das zu Sehende schiebe. Nicht, weil ich nichts damit zu tun haben will, aber ich kann nicht fassen, dass zwischen all dem Nichts Menschen einen ganz normalen Sonntag begonnen haben wollen, den sie nicht beenden konnten.

Kilometer um Kilometer zieht das Bild der Verwüstung sich an den ehemals wunderschönen Stränden entlang. Diese selbst liegen paradiesisch da wie eh und je.

Von der Straße gesehen, trennt einen der Anblick eines Kriegsgebietes von dem schmalen Strandstreifen und dem türkisen Meer.

Bis zu 40 Kilometer im Landesinneren sehen wir nur niedergemetzelte Palmen, Masten, Bruchstücke, Hausreste, Dachziegel, Kleidungsstücke, Hausrat. Autokarossen ligen da, Schiffsreste, wie in der Hosentasche zerknüllte Taschentücher, dazwischen immer wieder das eine oder andere herausragende Skelett eines Hauses, heilgebliebene Boote...An solchen Bildern versagt die Sprache, ja sogar die Fotografie.

Ein überdimensionaler Mähdrescher, der über alles hinweggegrast ist? Ein Anblick, an den ich mich schneller gewöhne als mir lieb ist. Und das liegt hauptsächlich daran, dass ich den Gedanken: Hier haben Menschen gelebt - partout nicht mit dem verknüpfen kann, was ich sehe. Das nämlich ist nichts, wo ich Menschen sehe: Es ist Zerstörung pur. Und ich kann mich nicht wehren; es liegt eine Faszination in den Fotos, die ich abends auf dem Rechner anschaue.

An einer der Ruinen lese ich: SUNDAY MORNING CALL, EVERYBODY LOOSE.

Tausende Menschen begannen hier ihren Sonntagmorgen beim Kaffee, mit Rauchen, Gesprächen, Lachen, mit Arbeiten, Fischen, mit dem Reparieren von Dingen, sie fuhren Auto, ...was macht man denn so an einem Sonntagmorgen um acht Uhr? Wir machen weltweit dieselben Dinge: Wir stehen auf, wir lieben, ärgern uns, haben Gefühle, Gedanken.

Die Leute hier in Aceh wurden an diesem 26.12.04 von einem Erdbeben geweckt und überrascht. Überall versuchten sie ihren Freunden, Verwandten, Nachbarn zu helfen, sich aus Trümmern zu befreien, verbanden notdürftig Verwundete und niemand konnte wissen, dass sie gleich mit noch einer bösen Überraschung zu rechnen hatten und besser wegliefen, Aber wohin hätten die laufen sollen: In Banda Aceh gibt es keine Berge. Es hatte gerade ein Beben gegeben, das viele Verletzte hinterließ, um die es sich zu kümmern galt. Wer hätte mit dieser gewaltigen Menge Wasser plus Menschlichkeit gerechnet? Menschlichkeit meint: Autos, in denen deren Besitzer wie erstarrt sitzen blieben, versuchten, ihre teuer erkauften Karossen in Sicherheit zu bringen.

Ebenso ist nur schwer fassbar, dass hier Hunderte umherirrten, tagelang nach den verlorengegangenen Angehörigen zu suchen. Menschen, die ich auf der kleinen vorgelagerten Insel Pulau Weh traf, erzählten, wie sie verzweifelt versucht hatten, ein Boot zu erwischen, um nach Banda Aceh zu gelangen. Drei Tage und länger: Tote, stinkendes, schwarzes Fleisch umzudrehen, nur, um Gewissheit zu erlangen. Niemand von uns hätte anders gehandelt?

Vielleicht ist das die Essenz: Was hätten Sie getan, was hätte ich gemacht?

Manaf, der Fahrer, erzählt bei einer Zigarettenpause, seine Frau sei am 26. Dezember 04 gerade zur Entbindung in Banda Aceh gewesen. Begleitet durch ihre Familie und den zweijährigen Sohn. Während er berichtet, lehnen wir an Manafs Pickup, dessen verrosteter Tank durch einen Plastikkanister unter dem Beifahrersitz ersetzt wird, dem beide Kotflügel und auch sonst einige Dinge fehlen.

Mit diesem Auto hatte er seine Familie wenige Tage zuvor zur Fähre nach Banda Aceh gebracht.

Als die erste Welle sein Haus mitnahm, war Manaf mit seinem knatternden Vehikel losgefahren, er hatte soviel Menschen aufgesammelt, wie er fand und als auf dem Berganstieg der Reifen platzte, stiegen zwölf Leute von der Ladefläche, um den Berg weiter hinauf zu rennen.

Kaum, dass die ersten Nachrichten aus Banda Aceh hier auf Pulau Weh eintrafen, reparierte Manaf wie besessen den Wagen. Drei Tage suchte er. Dann stand fest: stünde sein Haus noch, müsste er von nun an allein dort leben, denn Manafs Frau, der Sohn und das Neugeborene sind tot.

„Es gibt kein Haus mehr.“ Sagt er und lässt den Motor wieder an, um im Nachbardorf im nächsten Camp Milchpulver für die Kleinkinder abzuliefern.